Gesetzliche Vorgaben wie auch spezielle Baustandards – beispielsweise der des Passivhauses – bewerten Gebäude primär nach bauphysikalischen Aspekten und der Energieeffizienz. Für die Praxis, wie und wie lange eine Immobile genutzt wird, spielen darüber hinaus zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle. Auch sie gehören zum Themenkomplex der Nachhaltigkeit. Deshalb verfolgt das Konzept des AktivPlus-Standards einen ganzheitlichen Ansatz. Er berücksichtigt nicht nur Energieverbrauch und -gewinnung, sondern auch die Wünsche der Nutzer, die in den Gebäuden leben und arbeiten: Gesundes Raumklima, gutes Tageslichtangebot, modulare Architektur und intuitiver Zugang zu Informationen. Diese Aspekte bezieht der vom Aktiv Plus e.V., einer Initiative von Planern und Wissenschaftlern, entwickelte Kriterienkatalog mit ein. Ziel ist, einen zukunftsfähigen Standard für Bauwerke und Quartiere zu schaffen und diesen in der Praxis zu etablieren.

Nachhaltigkeit heißt Langlebigkeit

Der AktivPlus-Standard ist technologieoffen, zielwertorientiert, methoden- und produktunabhängig. Er strebt eine dezentrale und verbrauchernahe Versorgung mit erneuerbaren Energien und eine hohe Bauqualität von einzelnen Gebäuden als auch Stadtquartieren an. Dabei gilt es, ortsgegebene Synergien zu erschließen. Für die Entwicklung der dazugehörigen Kriterien gibt es vier Arbeitsgruppen:

  • Energie (Effizienz, Gebäudehülle, Technik, erneuerbare Energien)
  • Nutzer (Komfort, Information, Architektur-Integration)
  • Vernetzung (Netzintegration, Mobilität)
  • Lebenszyklus (Ökobilanz, Kosten)

Anhand dieser Bereiche sollen der Energiebedarf und die -erzeugung einschließlich der Interaktion mit dem Nutzer darauf abgestimmt sein, die Umwelt und Infrastruktur dauerhaft zu entlasten. In einer ersten Pilotphase hat der Verein über 20 Projekte im Neu- und Bestandsbau umfangreich begleitet. Der AktivPlus-Standard bedeutet, dass Immobilien nachweislich mehr Energie erzeugen als sie selbst verbrauchen, also in Abgrenzung zu anderen Standards bei weniger als 0 kWh/m2a Energiebedarf liegen. Eine Übersicht bereits realisierter Bauten steht auf der Internetseite online zur Verfügung.

Die Zukunft soll den aktiven Gebäuden gehören

Nach zweijähriger Weiterentwicklung der Merkmale des AktivPlus-Standards geht das System im April 2017 in die Anwendung. Details hierzu finden sich im aktuellen „AktivPlus Handbuch“. Zudem soll die Auswertung des zweijährigen Monitorings aus der ersten Pilotphase erfolgen. Denn Ziel des Standards ist auch, den Bewohnern den Soll-Ist Vergleich zwischen rechnerisch ermitteltem Energiebedarf und dem tatsächlichen Verbrauch transparent zugänglich zu machen, damit der Betrieb aus energetischer Sicht einwandfrei funktionieren und weiter optimiert werden kann.

Gebäude in Deutschland verbrauchen rund 35 Prozent der gesamten Endenergie. Dies stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Vor dem Hintergrund des Klimawandels, der Verknappung fossiler Rohstoffe und der steigenden Relevanz erneuerbarer Energien, gewinnen Konzepte wie das AktivPlus-Gebäude an Bedeutung. Kritiker bemängeln, dass Definitionen noch nicht ausgereift und der Ansatz zu technologielastig seien.

 
 
Bettina Gehbauer-Schumacher

Bettina Gehbauer-Schumacher

1973 in Darmstadt geboren. Architekturstudium an der TU Darmstadt, Diplom 2001. Berufsbegleitendes Fernstudium PR+plus, 2004 Abschluss als PR-Beraterin (DPRG). Ab 2001 kontinuierlich in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig, seit 2006 freie Journalistin, Autorin und Leiterin des Büros „Smart Skript – Fachkommunikation für Architektur und Energie“: Konzepte, Redaktion, Veranstaltungen.

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