Aktuelle Urteile

Wann begründen Wertungskriterien eine verdeckt produktspezifische Ausschreibung?

Sachverhalt

Ein zentraler IT-Dienstleister schrieb eine Rahmenvereinbarung zur Bereitstellung von Software für ein digitales Bürgeramt (mit Videoberatung) im offenen Verfahren europaweit aus. Die Unterlagen enthielten einen Anforderungskatalog mit Ausschlusskriterien und Wertungskriterien. Neben dem Preis mit 40% wurde die Qualität mit 60 % in der Angebotswertung berücksichtigt.

Der Antragsteller rügte u. a., dass die Wertungskriterien (und ihre Gewichtung) auf das Produkt der Beigeladenen zugeschnitten seien, so dass eine sog. verdeckt produktspezifische Leistungsbeschreibung nach § 31 Abs. 6 VgV vorliegt.

Entscheidung

Der Nachprüfungsantrag hatte weder vor der Vergabekammer noch vor dem OLG Frankfurt Erfolg. Der Vergabesenat des Oberlandesgerichts hält zwar fest, dass eine verdeckte Produktspezifikation auch über Wertungskriterien denkbar ist, wenn diese so ausgestaltet sind, dass andere Unternehmen den Zuschlag auch unter Berücksichtigung weiterer Kriterien nicht erhalten können. Im konkreten Fall verneinte das OLG dies jedoch unter anderem mit Blick auf die von der Vergabestelle vorgegebene Wertungsmatrix. Die Differenz in der qualitativen Bewertung sei über den Preis aufzuholen gewesen.  

Praxishinweis

Die Entscheidung macht deutlich, dass nicht nur die Leistungsbeschreibung, sondern auch Zuschlagskriterien und deren Gewichtung produktspezifisch „wirken“ können. Hier gibt es aber eine sehr hohe Eingriffsschwelle für vergaberechtlichen Rechtsschutz. Eine positive Bewertung bestimmter Produkte  über Zuschlagskriterien wird erst dann vergaberechtswidrig, wenn sie den Wettbewerb faktisch ausschließt. Bieter müssen daher konkret darlegen, dass der Vorsprung nicht realistisch aufholbar ist.

Weitere Informationen


Autor: Dr. Karsten Kayser
Datum: 09.10.2025
Gericht: OLG Frankfurt
Aktenzeichen: 11 Verg 3/25
Typ: Beschluss
Wissen

Diese Urteile könnten Sie auch interessieren

27.01.2026 | Urteil

Wann begründen Wertungskriterien eine verdeckt produktspezifische Ausschreibung?

Auch Zuschlagskriterien können eine verdeckte Produktspezifikation begründen – aber nur, wenn sie praktisch dazu führen, dass andere Bieter den Zuschlag nicht (mehr) erreichen können.
Mehr erfahren
16.12.2025 | Urteil

Neubau mehrerer Rettungswachen – Wann liegt ein Gesamtauftrag vor?

Wann müssen mehrere Rettungswachen europaweit ausgeschrieben werden? Erfahren Sie, wann ein Gesamtauftrag vorliegt und welche Rolle Planung und Standorte spielen.
Mehr erfahren
27.11.2025 | Urteil

Ein indikatives Angebot muss Mindestanforderungen einhalten!

Auch bei indikativen Angeboten gelten verbindliche Mindestanforderungen. Ein aktueller Beschluss zeigt, warum Bieter widersprüchliche Angaben unbedingt vermeiden müssen.
Mehr erfahren
24.10.2025 | Urteil

Fehlende Verpflichtungserklärungen und Konzernreferenzen – Zur Eignungsprüfung bei Bezugnahme auf konzernverbundene Unternehmen

Konzernreferenzen zählen nur mit Verpflichtungserklärung. Die VK Bund zeigt, warum Bieter bei der Eignungsprüfung keine formellen Fehler riskieren sollten.
Mehr erfahren
16.09.2025 | Urteil

Änderung von Vergabeunterlagen bei Referenzangaben im Teilnahmewettbewerb

Fehlerhafte Referenzangaben im Teilnahmewettbewerb können zum Ausschluss führen – selbst kleine Abweichungen haben laut aktueller Entscheidung strenge Folgen.
Mehr erfahren
18.08.2025 | Urteil

Leistungsbestimmungsrecht des Auftraggebers – IT-Beschaffung an Schulen

Schulen dürfen gezielt interaktive Displays eines Herstellers ausschreiben, wenn objektive Gründe vorliegen. Was das für Bieter bedeutet, erfahren Sie hier auf Vergabe24.
Mehr erfahren
21.07.2025 | Urteil

Mehrdeutige Anforderungen an „abgeschlossene Geschäftsjahre” – Vergabeunterlagen müssen eindeutig sein

Ein Angebot darf bei unklarer Forderung nach „abgeschlossenen Geschäftsjahren“ nicht ausgeschlossen werden – Vergabekammer stärkt Bieterrechte bei Unsicherheiten.
Mehr erfahren
18.06.2025 | Urteil

EuGH: Kein Vergabeverfahren ohne Teilnahmewettbewerb bei zurechenbaren Ausschließungsrechten

Der EuGH schränkt Vergaben ohne Teilnahmewettbewerb weiter ein: Ausschließlichkeitsrechte allein reichen nicht – Auftraggeber müssen Marktöffnung aktiv ermöglichen.
Mehr erfahren
11.06.2025 | Urteil

Zur Kombination von Referenzleistungen

Referenz zu klein? Gericht kippt Zuschlag bei öffentlicher Vergabe – warum ein Einzelauftrag über 10.000 Stück entscheidend war und was Bieter jetzt beachten müssen.
Mehr erfahren
21.05.2025 | Urteil

Dokumentationsmangel nicht per se wettbewerbswidrig

Ein Dokumentationsmangel führt nicht automatisch zur Rechtswidrigkeit eines Vergabeverfahrens. Der Mangel muss sich auf die Chancen des Bieters im Wettbewerb nachteilig ausgewirkt haben.
Mehr erfahren
Zum Wissensbereich