Aktuelle Urteile

Erst organisieren, dann in den Urlaub

Was ist passiert?

Ein öffentlicher Auftraggeber (AG) schrieb mobile Luftreinigungsgeräte europaweit im offenen Verfahren aus. Am 23.12.2021 übermittelte der AG dem zweitplatzierten Bieter das Vorabinformationsschreiben nach § 134 GWB und kündigte den 03.01.2022 als frühestmöglichen Zeitpunkt der Zuschlagserteilung an.

Das Schreiben wurde an die allgemeine Email-Adresse des Bieters übermittelt. Diese hatte der Bieter in den Firmenstammdaten der e-Vergabe-Plattform hinterlegt. Das Schreiben wurde hausintern erst am 27.12.2021 an den zuständigen Sachbearbeiter übermittelt. Dieser befand sich bis einschließlich 02.01.2022 im Weihnachtsurlaub. Eine Vertretung gab es nicht. Die Email wurde daher erst nach der Urlaubsrückkehr bearbeitet. Mit Schreiben vom 03.01.2022 rügte der Bieter die beabsichtigte Zuschlagsentscheidung. Diese Rüge wies der AG mit Schreiben vom 04.01.2022 zurück und informierte über die bereits am Vortag erfolgte Zuschlagserteilung. Der Bieter griff die Zuschlagserteilung vor der Vergabekammer an.

Die Entscheidung

Der Nachprüfungsantrag war nach Ansicht der Vergabekammer bereits als unzulässig zu verwerfen. Der AG konnte den Zuschlag nach Ablauf der Wartefrist wirksam erteilen.

Die Vergabekammer rechnete vor, dass dem Bieter während der zehntägigen Wartefrist durch Feiertage bzw. dienstfreie Tage der Vergabekammer faktisch 4,5 Arbeitstage zur Bearbeitung verblieben. Auch könne eine erhebliche faktische Verkürzung des Überprüfungs- und Entschließungszeitraums des Bieters im Einzelfall zu einer unangemessenen Erschwerung des effektiven Rechtsschutzes führen.

Vorliegend beruhte die verspätete Stellung des Nachprüfungsantrags nach Auffassung der Vergabekammer allerdings auf der mangelnden Organisation der Urlaubsvertretung des zuständigen Sachbearbeiters bei der Antragstellerin. Eine unangemessene Erschwerung des effektiven Rechtsschutzes verneinte sie daher.

Praxistipp

Vergabeverfahren erfordern regelmäßig kurzfristige Reaktionen der Beteiligten. Bieter sollten daher unbedingt sorgfältig die Vertretung regeln.

Autor

Menold Bezler Rechtsanwälte Steuerberater Wirtschaftsprüfer Partnerschaft mbB
Dr. Karsten Kayser, Rechtsanwalt

Weitere Informationen


Datum: 04.08.2022
Gericht: VK Südbayern
Aktenzeichen: 3194.Z3.3_01-22-1
Typ: Beschluss
Wissen

Diese Urteile könnten Sie auch interessieren

26.08.2026 | Urteil

Ungewöhnlich niedriger Preis: Erfahrung ersetzt keine belastbaren Kalkulationsnachweise

Die Vergabekammer Baden-Württemberg beschäftigte sich ausführlich mit der Auskömmlichkeitsprüfung und bestätigt: In der Preisaufklärung muss der Bieter seine konkreten Kostenvorteile nachvollziehbar und überprüfbar belegen.
Mehr erfahren
13.07.2026 | Urteil

Eignungsleihe: Nachträgliche Erweiterung des Nachunternehmer-verzeichnisses ist unzulässig

Das LG Lüneburg bestätigt: Eine nachträgliche Erweiterung des Nachunternehmerverzeichnisses ist unzulässig und kann zum Angebotsausschluss führen.
Mehr erfahren
30.06.2026 | Urteil

„Vorsprung durch Wissen“ oder „wenn der eine nicht weiß, was der andere tut“

Wissensvorsprung aus einer früheren Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber ist meist kein Problem – außer wenn der Auftraggeber ausschreibungsrelevante Daten nur einem Bieter zur Verfügung stellt.
Mehr erfahren
23.05.2026 | Urteil

Angebotsausschluss nur bei inhaltlichen Änderungen

Nicht jede Zusatzunterlage führt automatisch zum Ausschluss. Das OLG Düsseldorf stärkt die Rechte von Bietern im Vergabeverfahren.
Mehr erfahren
24.04.2026 | Urteil

Zumutbarkeit der Kalkulation bei Rahmenvereinbarungen

Zu hohe Risiken für Bieter? Das OLG Celle setzt klare Grenzen: Wann eine Rahmenvereinbarung nicht mehr kalkulierbar ist und warum Auftraggeber genauer planen müssen.
Mehr erfahren
30.03.2026 | Urteil

Unterkostenverdacht – Warum „äußerst knapp kalkuliert“ nicht als Beweis genügt

Das OLG Frankfurt klärt: Ein Unterkostenverdacht braucht Indizien. Die bloße Behauptung einer „knappen Kalkulation“ reicht für eine Rüge nicht aus. Jetzt Beschluss-Details lesen!
Mehr erfahren
25.02.2026 | Urteil

Auskömmlichkeitsprüfung: Ausschluss bei zu niedrigem Zeitaufwand

Zu niedriger Zeitansatz kann ein Angebot kippen: Die VK Bund bestätigt den Ausschluss nach § 60 Abs. 3 VgV, wenn die Preisaufklärung nicht plausibel gelingt.
Mehr erfahren
27.01.2026 | Urteil

Wann begründen Wertungskriterien eine verdeckt produktspezifische Ausschreibung?

Auch Zuschlagskriterien können eine verdeckte Produktspezifikation begründen – aber nur, wenn sie praktisch dazu führen, dass andere Bieter den Zuschlag nicht (mehr) erreichen können.
Mehr erfahren
16.12.2025 | Urteil

Neubau mehrerer Rettungswachen – Wann liegt ein Gesamtauftrag vor?

Wann müssen mehrere Rettungswachen europaweit ausgeschrieben werden? Erfahren Sie, wann ein Gesamtauftrag vorliegt und welche Rolle Planung und Standorte spielen.
Mehr erfahren
27.11.2025 | Urteil

Ein indikatives Angebot muss Mindestanforderungen einhalten!

Auch bei indikativen Angeboten gelten verbindliche Mindestanforderungen. Ein aktueller Beschluss zeigt, warum Bieter widersprüchliche Angaben unbedingt vermeiden müssen.
Mehr erfahren
Zum Wissensbereich