Aktuelle Urteile

Handlungsspielräume von öffentlichen Auftraggebern bei Konzeptvergaben

Was ist passiert?

Ein öffentlicher Auftraggeber schrieb Postdienstleistungen im offenen Verfahren aus. Neben dem Preis mussten die Bieter für die Bewertung  qualitativer Zuschlagskriterien Konzepte einreichen. Für ein Logistikkonzept wurden maximal 150 Punkte von insgesamt 1000 Punkten vergeben. In den Vergabeunterlagen wurde dieses Konzept wie folgt erläutert:

„Der Auftraggeber legt großen Wert darauf, dass die Erbringung der vertragsgegenständlichen Leistungen durch den Auftragnehmer so organisiert wird, dass eine hohe Leistungsqualität erreicht wird. In einem Logistikkonzept müssen die Bieter daher die vorgesehenen Logistikabläufe darstellen und dabei mindestens auf folgende Themen eingehen:

– Bearbeitungsschritte und -abläufe von der Abholung bis zur Zahlung

– […]“

Die Bewertung für das Logistikkonzept erfolgte relativ. Das beste Konzept erhielt die volle Punktzahl. Die Konzepte der weiteren Bieter wurden entsprechend einer Matrix schlechter bewertet. Die Beschwerdeführerin rügte die Ausgestaltung der Zuschlagskriterien. Eine Gewichtung der Themen beim Logistikkonzept fehle. Zudem sei nicht klar, wie die Ermittlung des „besten Konzepts“ ablaufe. Die Vergabekammer und das OLG folgten dem Vortrag des Bieters nicht.

Die Entscheidung

Das OLG Celle stellte in seiner Entscheidung fest, dass ein Ideenwettbewerb gerade bezwecke, dass die Bieter Konzepte entwickeln. Müsste der öffentliche Auftraggeber im vorliegenden Fall weitere Kriterien vorgeben, woran die Qualität der Konzepte zu messen ist, würde er den Bietern bereits Lösungskomponenten vorgeben und damit gewünschte Konzeptlösungen vorwegnehmen. Denn Bieter müssten diese Lösungskomponenten zwangsläufig aufnehmen, um in der Angebotswertung bestehen zu können. Die Vorgaben waren daher ausreichend.

Auch einen Vergabeverstoß wegen nicht erfolgter  Nennung der erreichbaren Punktzahl bei Unterkriterien erkannte das OLG Celle nicht. Es fehle diesbezüglich bereits an Unterkriterien. Die in Spiegelstrichen genannten Aspekte seien eindeutig nur thematische Vorgaben und keine Unterkriterien, da sie eindeutig keine abschließende Aufzählung darstellten.

Praxistipp

Die Bewertung von Konzepten eröffnet öffentlichen Auftraggebern ein verhältnismäßig flexibles Instrument bei der Bestimmung des wirtschaftlichsten Angebots gerade bei funktional beschriebenen Leistungen. Bieter sollten darauf achten, ihre Konzepte möglichst konkret für das jeweilige Vergabeverfahren und nah an den Vorgaben der Vergabeunterlagen zu entwickeln. Bestehen aus Sicht des Bieters Unklarheiten, sollte möglichst früh im Vergabeverfahren mithilfe von Bieterfragen eine Klärung herbeigeführt werden.

Weitere Informationen


Datum: 25.03.2021
Gericht: OLG Celle
Aktenzeichen: 13 verg 1/21
Typ: Beschluss
Wissen

Diese Urteile könnten Sie auch interessieren

30.03.2026 | Urteil

Unterkostenverdacht – Warum „äußerst knapp kalkuliert“ nicht als Beweis genügt

Das OLG Frankfurt klärt: Ein Unterkostenverdacht braucht Indizien. Die bloße Behauptung einer „knappen Kalkulation“ reicht für eine Rüge nicht aus. Jetzt Beschluss-Details lesen!
Mehr erfahren
25.02.2026 | Urteil

Auskömmlichkeitsprüfung: Ausschluss bei zu niedrigem Zeitaufwand

Zu niedriger Zeitansatz kann ein Angebot kippen: Die VK Bund bestätigt den Ausschluss nach § 60 Abs. 3 VgV, wenn die Preisaufklärung nicht plausibel gelingt.
Mehr erfahren
27.01.2026 | Urteil

Wann begründen Wertungskriterien eine verdeckt produktspezifische Ausschreibung?

Auch Zuschlagskriterien können eine verdeckte Produktspezifikation begründen – aber nur, wenn sie praktisch dazu führen, dass andere Bieter den Zuschlag nicht (mehr) erreichen können.
Mehr erfahren
16.12.2025 | Urteil

Neubau mehrerer Rettungswachen – Wann liegt ein Gesamtauftrag vor?

Wann müssen mehrere Rettungswachen europaweit ausgeschrieben werden? Erfahren Sie, wann ein Gesamtauftrag vorliegt und welche Rolle Planung und Standorte spielen.
Mehr erfahren
27.11.2025 | Urteil

Ein indikatives Angebot muss Mindestanforderungen einhalten!

Auch bei indikativen Angeboten gelten verbindliche Mindestanforderungen. Ein aktueller Beschluss zeigt, warum Bieter widersprüchliche Angaben unbedingt vermeiden müssen.
Mehr erfahren
24.10.2025 | Urteil

Fehlende Verpflichtungserklärungen und Konzernreferenzen – Zur Eignungsprüfung bei Bezugnahme auf konzernverbundene Unternehmen

Konzernreferenzen zählen nur mit Verpflichtungserklärung. Die VK Bund zeigt, warum Bieter bei der Eignungsprüfung keine formellen Fehler riskieren sollten.
Mehr erfahren
16.09.2025 | Urteil

Änderung von Vergabeunterlagen bei Referenzangaben im Teilnahmewettbewerb

Fehlerhafte Referenzangaben im Teilnahmewettbewerb können zum Ausschluss führen – selbst kleine Abweichungen haben laut aktueller Entscheidung strenge Folgen.
Mehr erfahren
18.08.2025 | Urteil

Leistungsbestimmungsrecht des Auftraggebers – IT-Beschaffung an Schulen

Schulen dürfen gezielt interaktive Displays eines Herstellers ausschreiben, wenn objektive Gründe vorliegen. Was das für Bieter bedeutet, erfahren Sie hier auf Vergabe24.
Mehr erfahren
21.07.2025 | Urteil

Mehrdeutige Anforderungen an „abgeschlossene Geschäftsjahre” – Vergabeunterlagen müssen eindeutig sein

Ein Angebot darf bei unklarer Forderung nach „abgeschlossenen Geschäftsjahren“ nicht ausgeschlossen werden – Vergabekammer stärkt Bieterrechte bei Unsicherheiten.
Mehr erfahren
18.06.2025 | Urteil

EuGH: Kein Vergabeverfahren ohne Teilnahmewettbewerb bei zurechenbaren Ausschließungsrechten

Der EuGH schränkt Vergaben ohne Teilnahmewettbewerb weiter ein: Ausschließlichkeitsrechte allein reichen nicht – Auftraggeber müssen Marktöffnung aktiv ermöglichen.
Mehr erfahren
Zum Wissensbereich