Aktuelle Urteile

Ausschluss wegen fehlender Unterschrift

Eine Vergabestelle schrieb Lüftungstechnikleistungen im offenen Verfahren nach der VOB/A-EU europaweit aus. In den Vergabeunterlagen war vom öffentlichen Auftraggeber unter anderem bestimmt, dass die Bieter neben dem Angebot gemäß Formblatt 213.H auch das Leistungsverzeichnis (LV) mit den Preisen sowie den geforderten Angaben und Erklärungen abzugeben hatten. Auf Seite 3 des LV mussten die Bieter mit Stempel und rechtsverbindlicher Unterschrift zudem bestätigen, dass sie durch ihre Unterschrift die Ausschreibung als Vertragsgrundlage rechtsverbindlich anerkennen. Einziges Zuschlagskriterium war der Preis. Das von der Vergabestelle für den Zuschlag vorgesehene Unternehmen hat die Seite 3 des LV nicht an der dafür vorgesehenen Stelle rechtsverbindlich unterzeichnet. Außerdem wurden im Rahmen eines mit ihm geführten Aufklärungsgesprächs einzelne, offensichtlich unrichtige LV-Positionen festgestellt und preislich berichtigt. Der zweitplatzierte Bieter monierte indes seine Nichtberücksichtigung als vergaberechtswidrig, weil er ein niedrigeres Angebot abgegeben habe, und beantragte die Nachprüfung des offenen Verfahrens. Nach erfolgter Akteneinsicht rügte er ferner, dass das Angebot des vermeintlich bestbietenden Unternehmens wegen einer fehlenden Unterschrift auszuschließen sei.

Der Beschluss der Vergabekammer

Die Vergabekammer Nordbayern gab dem Antragsteller insoweit Recht und stellte fest, dass er in seinen Verfahrensrechten verletzt wurde. Zwar hat der für den Zuschlag vorgesehene Unternehmer das Angebotsschreiben mit dem Formblatt 213.H ordnungsgemäß unterzeichnet, allerdings hat die Vergabestelle selbst festgelegt, dass die Bieter auf Seite 3 das LV mit Unterschrift anzuerkennen hatten. Diese Unterschrift hat der vermeintliche Bestbieter aber nicht geleistet. Nach §§ 16 EU Abs. 1 Nr. 2, 13 EU Absatz 1 Nr. 1 VOB/A war somit sein Angebot zwingend auszuschließen. Die Vergabestelle hat sich selbst gebunden, indem sie festgelegt hat, dass auch die Seite 3 des LV unterzeichnet werden musste. Es genügt eben nicht nur, dass das LV in das Angebotsschreiben einbezogen wurde. Denn die VOB/A enthält keine Bestimmung darüber, an welcher Stelle und welche Anzahl von Unterschriften zu leisten sind. Die Festlegung darüber liegt alleine im Verantwortungsbereich der Vergabestelle. Deshalb macht es keinen Unterschied für die Rechtsfolge im Falle des Fehlens einer Unterschrift, ob mehrere Unterschriften oder nur eine alles umfassende Unterschrift unter das Angebot gefordert wurde.

Das Fehlen führt auf jeden Fall zum Ausschluss. Im Rahmen der Verfahrenstransparenz und des Prinzips der Gleichbehandlung hat sich die Vergabestelle an die einmal getroffene Festlegung (zwingend mehrere Unterschriften unter einzelne, angegebene Angebotsteile) zu halten, während die Bieter dementsprechende Angebote einzureichen haben und den Anspruch darauf haben, dass nichtentsprechende Angebote auszuschließen sind, so die Ansbacher Nachprüfungsbehörde.

Weitere Informationen


Datum: 11.08.2017
Gericht: VK Nordbayern
Aktenzeichen: 21.VK-3194-11/17
Typ: Beschluss
Wissen

Diese Urteile könnten Sie auch interessieren

25.02.2026 | Urteil

Auskömmlichkeitsprüfung: Ausschluss bei zu niedrigem Zeitaufwand

Zu niedriger Zeitansatz kann ein Angebot kippen: Die VK Bund bestätigt den Ausschluss nach § 60 Abs. 3 VgV, wenn die Preisaufklärung nicht plausibel gelingt.
Mehr erfahren
27.01.2026 | Urteil

Wann begründen Wertungskriterien eine verdeckt produktspezifische Ausschreibung?

Auch Zuschlagskriterien können eine verdeckte Produktspezifikation begründen – aber nur, wenn sie praktisch dazu führen, dass andere Bieter den Zuschlag nicht (mehr) erreichen können.
Mehr erfahren
16.12.2025 | Urteil

Neubau mehrerer Rettungswachen – Wann liegt ein Gesamtauftrag vor?

Wann müssen mehrere Rettungswachen europaweit ausgeschrieben werden? Erfahren Sie, wann ein Gesamtauftrag vorliegt und welche Rolle Planung und Standorte spielen.
Mehr erfahren
27.11.2025 | Urteil

Ein indikatives Angebot muss Mindestanforderungen einhalten!

Auch bei indikativen Angeboten gelten verbindliche Mindestanforderungen. Ein aktueller Beschluss zeigt, warum Bieter widersprüchliche Angaben unbedingt vermeiden müssen.
Mehr erfahren
24.10.2025 | Urteil

Fehlende Verpflichtungserklärungen und Konzernreferenzen – Zur Eignungsprüfung bei Bezugnahme auf konzernverbundene Unternehmen

Konzernreferenzen zählen nur mit Verpflichtungserklärung. Die VK Bund zeigt, warum Bieter bei der Eignungsprüfung keine formellen Fehler riskieren sollten.
Mehr erfahren
16.09.2025 | Urteil

Änderung von Vergabeunterlagen bei Referenzangaben im Teilnahmewettbewerb

Fehlerhafte Referenzangaben im Teilnahmewettbewerb können zum Ausschluss führen – selbst kleine Abweichungen haben laut aktueller Entscheidung strenge Folgen.
Mehr erfahren
18.08.2025 | Urteil

Leistungsbestimmungsrecht des Auftraggebers – IT-Beschaffung an Schulen

Schulen dürfen gezielt interaktive Displays eines Herstellers ausschreiben, wenn objektive Gründe vorliegen. Was das für Bieter bedeutet, erfahren Sie hier auf Vergabe24.
Mehr erfahren
21.07.2025 | Urteil

Mehrdeutige Anforderungen an „abgeschlossene Geschäftsjahre” – Vergabeunterlagen müssen eindeutig sein

Ein Angebot darf bei unklarer Forderung nach „abgeschlossenen Geschäftsjahren“ nicht ausgeschlossen werden – Vergabekammer stärkt Bieterrechte bei Unsicherheiten.
Mehr erfahren
18.06.2025 | Urteil

EuGH: Kein Vergabeverfahren ohne Teilnahmewettbewerb bei zurechenbaren Ausschließungsrechten

Der EuGH schränkt Vergaben ohne Teilnahmewettbewerb weiter ein: Ausschließlichkeitsrechte allein reichen nicht – Auftraggeber müssen Marktöffnung aktiv ermöglichen.
Mehr erfahren
11.06.2025 | Urteil

Zur Kombination von Referenzleistungen

Referenz zu klein? Gericht kippt Zuschlag bei öffentlicher Vergabe – warum ein Einzelauftrag über 10.000 Stück entscheidend war und was Bieter jetzt beachten müssen.
Mehr erfahren
Zum Wissensbereich